Aisha Khalid: I AM AND I AM NOT

Neue Werke der Künstlerin aus Pakistan in ihrer ersten Einzelausstellung in Berlin. Zilberman Gallery Berlin, 28. April - 31. Juli 2017. Einführung von Lotte Laub.
Apr 2017

Nach ihren Beteiligungen an Gruppenausstellungen der Zilberman Gallery in Istanbul: Minor Heroisms (2005) und am Berliner Standort: The Red Gaze (2016) ist dies die erste Einzelausstellung von Aisha Khalid in Berlin. Unter dem Titel I Am and I Am Not präsentiert die Zilberman Gallery Bilder, ein Diptychon in Buchform sowie eine raumbezogene Installation. Aisha Khalid steht in der Tradition der figurativen Miniaturmalerei des Mogulreiches auf dem indischen Subkontinent. Freilich geht sie über diese Tradition hinaus, indem sie, wie bereits in ihren früheren Werken, zeitgenössische Fragestellungen wie die Rolle/Figur der Frau oder auch die weltpolitische Lage und die allseits wachsende Unsicherheit thematisiert.


In Aisha Khalids Werken, die bis auf eine Ausnahme alle 2017 für I Am and I Am Not entstanden sind, gibt es kaum figurative Hinweise. Nur die Arbeit When I am silent zeigt eine Tulpe aus Blattgold in einem perspektivisch gestalteten blauen Raum. Unwillkürlich bringt der Betrachter das Ich des Titels mit der kostbaren Tulpe in Verbindung. Die Tulpe wird von der Bodenlinie der Rückwand geschnitten, was sie in eine andere Welt entrückt. Ein weiteres figürliches Element in diesem Bild, das auch in vielen anderen Werken auftaucht, ist das eines gewellten Vorhangsaums. Schabrackenartig begleitet er den oberen Bildrand in rötlicher Erdfarbe. Ein zweiter Saum eines ansonsten unsichtbaren Vorhangs unterteilt den blauen Raum in einen vorderen und einen hinteren Abschnitt oder in einen unteren und oberen, denn der Schleiervorhang gibt dem Bild eine andere Richtung, als schaue der Betrachter in die Höhe. Die goldene Tulpe als Metapher idealisierter Perfektion alles Schönen und mit ihren rosa-weißen Spitzen auf göttliche Liebe hindeutend erhebt sich genau auf dieser Grenze der beiden Welten wie eine immaterielle Erscheinung.

I Am and I Am Not ist der Titel der Ausstellung und der Titel eines Gedichts von Rumi. Der islamische Mystiker Rumi (1207–1273) ist einer der bedeutendsten persischen Dichter und Gelehrten des Mittelalters. Sein Sohn gilt als der Gründer des Ordens der tanzenden Derwische. Eines seiner Gedichte mag Aufschluss geben über die Bedeutung des Vorhangs:

Wenn sie am Tage des Todes
tief in die Erde mich senken,
dass mein Herz dann noch auf Erden
weile, darfst du nicht denken!
[...]
Siehst meine Bahre du ziehen,
lass das Wort Trennung nicht hören,
weil mir dann ewig ersehntes
Treffen und Finden gehören!
Klage nicht Abschied, ach Abschied!,
wenn man ins Grab mich geleitet:
Ist mir doch selige Ankunft
hinter dem Vorhang bereitet!
[…] (1)

Die Sehnsucht nach der anderen Welt, nach einer Vereinigung der Welten diesseits und jenseits des Vorhangs, nach unio mystica, lässt uns Titel und Gestaltung von Two Worlds as One, At the Circle’s Centre und auch I Am and I Am Not besser verstehen.

In der intensiven Auseinandersetzung mit der traditionellen Miniaturmalerei hat sich Aisha Khalid als Künstlerin weg von figürlichen Darstellungen hin zu Abstraktionen bewegt, die ihrem verstärkten Interesse für islamische Mystik Rechnung tragen. Der Kunsthistoriker und Philosoph Heinrich Lützeler schreibt über die Wirkung solcher Darstellung: „Indem der sinnend Betrachtende, betrachtend Sinnende sein Ich in dieses Gewebe gleichsam einflicht, vergisst er sein eigenes Selbst.“ (2)

Kommen wir zurück zu den Werken Divided und der vierteiligen Arbeit At the Circle‘s Centre: Wie die Künstlerin im Interview mit Simone Wille (im Katalog zu Ausstellung in der Zilberman Gallery) selbst äußert, kann man beiden Arbeiten den Ist-Zustand unserer diesseitigen Welt ablesen. Hier ist das Zentrum verschoben und droht gar, aus dem Blick zu geraten. Das kann politisch, gesellschaftlich, philosophisch oder religiös verstanden werden. Aisha Khalid ist keine weltabgewandte Mystikerin, aber sie weiß, welche Kraft aufgeht When I Am Silent.



I Am and I Am Not ist die erste Soloausstellung der in Lahore/Pakistan lebenden Künstlerin in Berlin. Aisha Khalid hat am renommierten National College of Arts (Lahore, 1997), Pakistans ältester Kunstinstitution, und an der Rijksakademie (Amsterdam, 2002) studiert. Sie war u.a. an der Moskau-Biennale (2013), Sharjah Biennale (2011), Biennale Venedig (2009) und der Fukuoka Triennale (2001) beteiligt. Ihre Werke sind in Sammlungen weltweit vertreten, u.a. im Aga Khan Museum (Toronto), im M+ Museum (Hong Kong), im Victoria and Albert Museum Museum (London), im Fukuoka Asian Art Museum (Japan) und dem Sharjah Art Museum (Vereinigte Arabische Emirate).

 

Zur Eröffnung der Ausstellung am 27. April ist Reihe ITINERANT INTERLUDE #14 mit einer Performance von Christine Paté (Akkordeon) und Matthias Badczong (Klarinette) und einem eigens für I AM AND I AM NOT kuratierten Programm in der Zilberman Gallery zu Gast. Die Reihe ITINERANT INTERLUDES wird von Laurie Schwartz mit der Unterstützung der Initiative neue musik berlin kuratiert.

Zur Ausstellung I AM AND I AM NOT erscheint ein Katalog mit einem Vorwort von Lotte Laub und Texten von Simone Wille, Timo Kaabi-Linke und Atteqa Ali. Die Pressevorschau findet am 27. April 2017 um 11 Uhr in der Zilberman Gallery–Berlin statt.

Für weitere Informationen oder Bildmaterial wenden Sie sich bitte an goksu(at)zilbermangallery.com.

 


Lotte Laub, Program Manager der Zilberman Gallery–Berlin, promovierte an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien, Freie Universität Berlin mit der Dissertation Gestalten durch Verbergen. Ghassan Salhabs melancholischer Blick auf Beirut in Film, Video und Dichtung, 2016 beim Reichert Verlag erschienen. Anschließend erhielt sie ein Honors Postdoc Fellowship für ihr Projekt über The Voice in Lebanese Video Art an der Dahlem Research School, FU Berlin. 2010 war sie Promotionsstipendiatin am Orient-Institut Beirut, Libanon. Zuvor war sie am Martin-Gropius-Bau, Berlin, tätig.

Anmerkungen:
  1. Aus: Rumi: Ich bin Wind und Du bist Feuer, hrsg. v. Annemarie Schimmel, München: Diederichs, 1991, S. 7.
  2. Heinrich Lützeler: Weltgeschichte der Kunst, Güthersloh: Bertelsmann, 1959, S. 587.
© Text: Zilberman Gallery Istanbul | Berlin

Aisha Khalid: I AM AND I AM NOT

28. April - 31. Juli 2017
Vernissage: Donnerstag, 27. April, 18.00 Uhr

Zilberman Gallery Berlin
Goethestraße 82
10623 Berlin
Tel: 49-30-31809900
Website | Email

Di - Sa: 11 - 19 Uhr
So und Mo geschlossen


Aisha Khalid
* 1972 Faisalabad, Pakistan. Lebt in Lahore, Pakistan.


Siehe auch:

Zilberman Gallery
Special Feature: Zilberman Gallery

Nafas
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