Mohamad al-Roumi: Kontrast Syrien

Museum für Islamische Kunst, Berlin, 29. Juli - 30. Oktober 2016. Bilder des syrischen Fotografen vom Alltagsleben in seinem Heimatland vor dem Krieg.
Sep 2016

Syrien: Zerstörung, Leid, Tod. Würde man heutzutage Deutsche nach Assoziationen zu diesem vom Krieg gepeinigten Land fragen, würden höchstwahrscheinlich diese Begriffe als Antwort fallen.

Der syrische Fotograf Mohamad al-Roumi, der ein außerordentliches Lebenswerk über sein Heimatland geschaffen hat, präsentiert in seiner Ausstellung Kontrast Syrien im Museum für Islamische Kunst ein anderes Bild: das provinzielle Nordostsyrien der 1990er Jahre mit seiner nomadischen Bevölkerung sowie die Arbeitsbedingungen in den von Armut betroffenen Vorstädten. Viele Syrer, die nach Deutschland geflüchtet sind, kommen aus diesen Gegenden.

"Meine ersten Fotos machte ich im syrischen Mesopotamien, wo ich aufwuchs" erzählte al-Roumi. "Mit 14 Jahren verließen wir meine Heimatstadt Tell Abiad. In meinen Erinnerungen lebt die kleine, von Quellen umgebene Steppenstadt als ein Mosaik von Religionen und Ethnien fort: Kurden, Turkmenen, Yeziden, Aramäer, Araber und Armenier. Letztere waren bekannt für ihre Fähigkeiten im Metallhandwerk und betrieben Werkstätten für landwirtschaftliche Maschinen. Ich verdanke ihnen meine Liebe zum Handwerk und zu den technischen Aspekten der Fotografie. Man nannte mich den Armenier. Später, in Damaskus, verbrachte ich viel Zeit in Armenvierteln, wo ich den Handwerkern beim Schmelzen, Gießen, Glasblasen oder Schreinern zusehen konnte... Heute scheine ich zwar ein Städter zu sein, aber wenn ich zurückdenke, scheinen meine Wurzeln eher in der Steppe zu liegen. In den Augen meines schweigsamen Vaters fand ich sie gespiegelt."

Mohamad al-Roumi teilt mit den Betrachtern seinen ganz persönlichen Blick auf seine Heimat. Dafür bedient er sich einer ausgefeilten ästhetischen Sprache. Nichts ist zufällig, sondern scheint eine Essenz der Wirklichkeit zu sein. Er sucht einen speziellen Ausdruck, er lenkt unsere Blicke auf die Schönheit wie die Hässlichkeit des Alltäglichen. Kontemplation spielt in den Fotos eine große Rolle, es ist ihnen anzusehen, dass sie nicht spontan entstanden. Voller Ehrfurcht vor dem Leben porträtiert er Menschen, die trotz oft anstrengender Tätigkeiten große Würde ausstrahlen. Gerade durch diese persönliche Sichtweise zeigt Mohamad al-Roumi, was Syrien wirklich ist: die Heimat von Menschen verschiedener ethnischer und religiöser Herkunft.

"Ich finde es wichtig, dass die Leute Bilder von Syrern sehen, die nichts mit dem Krieg zu tun haben und nicht dem IS oder der Armee von Bashar al Assad angehören", betont der Fotograf. "Diese Ausstellung zeigt einen Blick auf das normale Leben in den ländlichen Gebieten und in den Vorstädten Syriens. Es ist einer auf multikulturelle, friedliche und großherzige Leute. So habe ich das Land in Erinnerung, das ich im Februar 2011 verließ, nur Wochen bevor die Revolution begann. In der Erwartung, bald zurückzukehren, ließ ich mein Haus zurück. Meine Post liegt noch auf dem Tisch, mit einem Stift daneben, um gleich meine Korrespondenz zu beantworten. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass alles in Syrien in demselben eingefrorenen Zustand auf mich wartet, aber ich weiß, dass das nicht der Fall ist. Seit der Krieg begann, habe ich die Grenze nur einmal überschritten, um beim Begräbnis meines Neffen dabei zu sein, der 2012 als Kämpfer für die Freie Syrische Armee getötet wurde. So sah ich die Schäden, die eine zunehmend chaotische Situation angerichtet hat. Doch begegnete mir dieselbe Gastfreundschaft und der Geist der Vergebung, die ich immer gekannt hatte. Eine Stärke der Menschen Syriens besteht darin, dass sie nicht am Hass festhalten, und eines Tages werden sie wieder vereint sein und eine friedliche Nation aufbauen."

Dieser syrische Blick auf das Zuhause weicht von dem aktuell vermittelten Syrienbild ab. Die Bedeutung Syriens für seine Menschen wird dadurch nachvollziehbarer und die eigentliche syrische Lebenswirklichkeit wird besser spürbar.


(Aus Presseinformationen, einem Statement des Künstlers und einem Gespräch mit Hannah Kugel am 26. Juli 2016. Übersetzung des längeren Zitats aus dem Englischen: Haupt & Binder.)

Kontrast Syrien
29. Juli - 30. Oktober 2016

Museum für Islamische Kunst
Pergamon Museum
Bodestraße 1-3
10178 Berlin
Deutschland
Website / Email


Mohamad al-Roumi
* 1945 Aleppo, Syrien. Lebt in Paris, Frankreich.

Nafas
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