An Index of Tensional and Unintentional Love of Land

Kunstwerke und Archivmaterial zu Auswirkungen des Kampfes der Palästinenser auf Bestrebungen und Diskurse in unterschiedlichen Zeiten und Regionen. 16. Juli - 28. Sept. 2014, New Museum, New York.
Von Ala Younis | Sep 2014

Godard reiste 1970 nach Jordanien, um im Auftrag der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und unterstützt von der Arabischen Liga einen Film aufzunehmen. "Godard, der beim ersten Treffen im Continental Hotel zum Erstaunen der jungen palästinensischen Kämpfer im Handstand laufend eintraf." [1] Dieses Bild ist Teil der Ausstellung, selbst wenn die Geschichte so nicht stattgefunden hat oder ein Foto davon nicht mehr existiert.

Die fünf Bilder, mit denen Godard sein "Here and Elsewhere" [2] strukturierte, sind die Kanäle dieser Ausstellung. Die Begriffe Wille des Volkes, politische Arbeit, fortdauernder Krieg und bis zum Siege, alle durchtrennt von bewaffneter Kampf, wurden über die ihnen zugeschrieben unmittelbare Bedeutung hinaus interpretiert; "die Armee des Volkes besteht nicht aus ausgeklügelten Radars. Es sind 10.000 Kinder mit Ferngläsern und Funksprechgeräten." [1]

Eine Möglichkeit, die jüngere Geschichte der arabischen Welt zu erzählen, besteht darin, den Auswirkungen des palästinensischen Kampfes auf die Ideale, Bemühungen und Diskurse nachzugehen, die auf verschiedene Zeiten und Regionen zurückgestrahlt haben. Das Ausstellungsprojekt An Index of Tensional and Unintentional Love of Land [Ein Index angespannter und unabsichtlicher Liebe zu einem Land] soll solch eine Untersuchung sein, indem es Bilder, Kunstwerke, Fotografien und Dokumente visueller Kultur einander gegenüberstellt, die stereotype Darstellungen von Konflikten untergraben.

Es ist interessant, in Fotografien aus den Archiven der Arab Image Foundation und der Magnum Agentur das zu lesen, was über die deklarierten Forderungen und Ansprüche von Demonstranten hinausgeht. Was von Volkes Wille könnte hinter den Requisiten, die sie bei ihren Demonstrationen mitführen, oder den Wörtern auf ihren T-Shirts oder den Sätzen, die sie mit ihren Körpern auf dem Boden formen, zu erkennen sein? Zum Beispiel gruppierten sich ägyptische Kinder während der Parade zum Jahrestag des Abzugs ausländischer Truppen aus Ägypten zum Wort Evakuierung in Arabisch. Eine große Menschenmenge trug einen nasseristischen libanesischen Kämpfer in einem Boot durch die Straßen von Sidon, während 1958 in Damaskus eine riesige Flagge Palästinas ihren Schatten auf eine andere glückliche Masse warf, die Gamal Abdel Nasser und den syrischen Präsidenten Shukri al-Quwatli während der Feiern zur Ausrufung der Vereinigten Arabischen Republik umringte. Auf einer von zwei alten Postkarten [4] scheint eine Ansammlung von Menschen auf der Habib Bourguiba Avenue in Tunis von den vielen Bäumen verschlungen zu werden.

Die in den 1970er Jahren von der Vereinigten Arabischen Republik, PFLP [5] und Fatah herausgegebenen Briefmarken zeigen nicht nur die Landschaften und die Büsche, aus denen die Freischärler mit ihren Gewehren auftauchten, sondern illustrieren auch einige ihrer Bewegungen durch Karten, Staaten und Politik, selbst wenn sie in Siegerpose vor nicht zu Ende geführten Missionen standen. "Es ist ein Bericht, der den leidvollen Weg verdeutlicht, den jene zurücklegten, die ohne Rast in der Mitte solcher Schatten marschierten, hin zu einem schon vereinnahmten Ziel." [6] Die Konzepte und Mittel politischer Arbeit werden durch die Hervorhebung von Symbolen wie dem Gewehr oder der Flagge sowie durch das Zurückverfolgen ihres Erscheinens (d.h. ihrer Bedeutung oder Verwendung) in den erhalten gebliebenen visuellen jener Zeit Dokumenten präsentiert. 1965 prangte auf der Titelseite des Time Magazins das Porträt Nassers vor einem Relief pharaonischer Figuren mit einem Molotowcocktail und einem Gewehr in den Händen. Nach dem Krieg von 1967 zeigte das LIFE Magazin auf seinem Cover einen israelischen Soldaten am Suezkanal, der eine AK-47 [Kalaschnikow Maschinenpistole] mit arabischer Nummerierung hält. Ein Gewehr in Kombination mit einem Buch, Bleistift und Schraubenschlüssel symbolisiert auf der von Marc Rodin gestalteten Titelseite eines Bulletins der PFLP von 1981 die Instrumente der "Generalmobilmachung". "Wie erlangt ein Palästinenser sein Zuhause zurück? Nur mit Waffen gewinnt ein Palästinenser sein Haus zurück", betont eine Seite in einem Kinderbuch, das Dar Al Fata Al Arabi veröffentlichte. [7]

Mit dem Fokus auf den 1960er bis 1980er Jahren konzentriert sich die Ausstellung auf Elemente, die einen anhaltenden Prozess der Popularisierung von Ideen erkennen lassen, und auf die damit verbundenen ikonischen Zeichen, die die Zeiten überdauert haben. Viele dieser Zeichen tauchen in der Schau in veränderter Weise und unterschiedlichen Medien als andere Symbole wieder auf. Zum Beispiel geht Yto Barrada in Modest Proposal dem folkloristischen Selbst-Branding mit der Palme als Symbol nach, indem sie in Plakaten Elemente der kollektiven, individuellen und staatlichen Bemühungen um eine "Modernisierung Marokkos und Maximierung seiner Effizienz" zusammenführt. Viele Plakate aus den Palestine Poster Project Archives [8] unterstützen den Aufbau der Ausstellung nicht nur konzeptionell, sondern offerieren auch visuelle Manifestationen sowie Variationen der Benutzung dieser Zeichen (und Plakate im Allgemeinen) jenseit von Geographie, Nationalität und politischer Zugehörigkeit.

"Die erste Kugel von Al-‘Asifah muss dicht an die Ohren der Bauern geschossen werden, damit sie den Klang der Befreiung des Landes hören können. Das ist ein revolutionärer Klang." [9]

In fortdauernder Krieg geht es in der Schau um Krieg. All die fortdauernden Praktiken werden zur Landschaft, unter blühenden Bäumen sitzende oder an Steilhängen felsiger Berge stehende Kämpfer werden zur Landschaft, Denkmäler für Märtyrer vergangener Zeiten werden ebenfalls zu Landschaften. Mona Hatoums ornamentale Interpretation eines Monuments auf dem Platz der Märtyrer in Beirut reproduziert getreu dessen Verstümmelung durch die Kugeln und Granaten des Bürgerkriegs. Die Oberfläche des Denkmals sieht wie jene auf den den drei Fotos von Amina Menia aus, die ein Gerüsts um ein Monument im Zentrum Algiers zeigen, das zubetoniert wurde. Dieses Mahnmal, das in den 1920er Jahren im Auftrag der der französischen Kolonialverwaltung entstand, um der im Ersten Weltkrieg getöteten französischen und algerischen Soldaten zu gedenken, war 1978 von dem Modernisten M’hamed Issiakhem umgestaltet worden. Issiakhem beschloss, das ursprüngliche Denkmal zu verbergen und um dieses herum ein neues in der Art einer Sarkophaghülle zu schaffen - und damit künftigen Generationen die Entscheidung zu überlassen, wie sie später mit diesem Stück Geschichte umgehen. Der Titel der Arbeit beruht auf der Kurzgeschichte "Die Märtyrer kehren diese Woche zurück" (1974) des algerischen Autors Tahar Ouettar. Darin geht es um die Aufregung in einem Dorf, als der Vater eines Märtyrers einen Brief seines tot geglaubten Sohnes erhält, der ihm mitteilt, er würde nächste Woche zurückkehren. Schockiert nimmt der Vater den Brief, um die korrupten Gefährten, Kollegen und Führer einen nach dem anderen damit zu konfrontieren und die Korruption aufzuzeigen, die sein Dorf durchdrungen hat, sowie die Art und Weise, wie mit der Erinnerung und den Rechtsansprüchen der Märtyrer umgegangen wird.

Im Laufe der Recherchen für diese Ausstellung war es interessant sich dessen bewusst zu werden, dass als die palästinensische Revolution 1965 verkündet wurde, die algerische schon zur Unabhängigkeit geführt hatte. Die Kommentare und Kritiken im literarischen und filmischen Schaffen Algeriens aus den ersten Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit bieten die Gelegenheit, auf einer Zeitreise die Schicksale von Träumen, Forderungen und Versprechen der lebenden und toten Helden anderer Revolutionen nachzuvollziehen.

Maya von Neil Beloufa ist ein schräg stehendes Olivenbäumchen, das dem Umkippen widersteht, während es von einem elektrischen Ventilator angeblasen wird. [10]

Bezieht sich bis zum Siege auf ein Versprechen oder illustriert es ein ständiges Stadium der Niederlage? Einige Antworten können verschiedene Exponate der Schau geben. Angesichts der Frustrationen in Ägypten während der frühen 1970er Jahre sahen sich viele aus der jüngeren Generation dazu angespornt, sich auf neue Gebiete zu begeben. In The Return of the Prodigal Son (1976) von Youssef Chahine denkt der Neffe der Hauptfigur andauernd über die Möglichkeit nach, "auf den Mond" zu reisen, und im Hintergrund vieler Szenen ist das Bild des Mondes zu sehen, das symbolisch über den jüngeren Figuren des Films schwebt. Anderswo träumt ein junger Revolutionär im Untergrund (in diesem Falle Saddam Hussein) von einem utopischen Staat, in dem die Leute frei ihrem Glauben nachgehen und arbeiten dürfen. [11] Als er die Nation anspricht und dabei direkt in die Kamera blickt, ist vom Kopf des Protagonisten nur ein kreisrunder Ausschnitt seines Gesichts zu sehen. "Am Vorabend des Persischen Golfkriegs trafen sich verschiedene Angestellte am Hintereingang eines Hotels in Amman und zeigten himmelwärts. Sie bestanden darauf, dass das, was sie eingerahmt von den Umrissen des Mondes sahen, ein leuchtender Saddam Hussein in militärischer Montur war. Einige interviewte Jordanier sagen, die Geschichten werden benutzt, um eine Niederlage zu erklären, die anzuerkennen sich viele in der Region weigern." [12]

In einem Ausschnitt aus "Jordan Reportage" (1968) filmte Hani Jawharieh Männer, die mit großen Klammern heiße Stahlstangen auffangen, sie biegen und formen, nachdem sie in den Öfen von Stahlfabriken zum Glühen gebracht wurden. Seine andere Kameraarbeit von 1968 bis 1976 in Jordanien und Libanon zeigt ebenfalls Arbeiter in der Orangenfabriken, Kämpfer in Landschaften, Publikum in Lagern und vieles mehr. Die "Filmkunst war schön, und selten stand dem Filmemacher so dichtes Filmmaterial von solch großer Menge zur Verfügung, trotz der zahlreichen Missverständnisse übermäßig vorbereiteter Aufnahmen in einem unbekannten Land." [13] Jawharieh war einer von vielen Filmemachern, die sich darum bemühten, ein nationales Repertoire an Bildern und Filmmaterial zu schaffen, nicht nur des Kampfes selbst, sondern auch dessen, was damit einherging.

Mit den präsentierten zeitgenössischen Kunstwerken und dem Archivmaterial blickt An Index of Tensional and Unintentional Love of Land auf den konstanten Transfer von Subjekten von einem Ort zum anderen, veranschaulicht Zeichen, die in der Imagination des Volkes entstanden und wieder verschwanden, sowie künstlerische Praktiken, die sich in Richtung eines Dienstes für die Öffentlichkeit verlagerten. Dazu werden verschiedene Methoden offen gelegt, panarabischen Nationalismus und revolutionäre politische Verheißungen miteinander zu verknüpfen.

 

Anmerkungen:
  1. Antoine de Baecques Bericht über den Produktionsprozess von Ici et ailleurs, zitiert aus Godard: biographie (Grasset, 2004), übersetzt von Ted Fend. Veröffentlicht als Daney and de Baecque on Ici et ailleurs, auf der Website Diagonal Thoughts am 26. November 2012.
  2. Godard arbeitete 1070 an Jusqu’a la victoire [Bis zum Sieg] mit Jean-Pierre Gorin als die Dziga Vertov Gruppe, stellte den Film aber 1976 als Ici et ailleurs [Hier und anderswo] mit Anne-Marie Mieville fertig.
  3. Jean-Luc Godard, Jusqu’à la Victoire, 1970. Aus der englischen Übersetzung von Stoffel Debuysere im Kontext von "Figures of Dissent (Cinema of Politics, Politics of Cinema)" hier ins Deutsch übertragen von Haupt & Binder. Godard zitiert Abu Hassan, einen palästinensischen Fedai, der einen Artikel in der ersten Ausgabe des Fedajin Bulletins veröffentlicht hatte. Godars Text wurde ursprünglich im Juli 1979 im Magazin El Fatah veröffentlicht.
  4. Diese und andere Exponate wurden auf ebay gefunden und gekauft.
  5. Popular Front for the Liberation of Palestine - Volksfront zur Befreiung Palästinas.
  6. Masao Adachi, The testament that Godard has never written, 2002. Mit Kôji Wakamatsu filmte Adachi The Red Army/PFLP: Declaration of World War (1971) für die PFLP an Schauplätzen in Jordanien und Libanon.
  7. Dieser 1974 in Beirut gegründete, einflussreiche palästinensische Verlag und das Kulturprogramm der PLO sowie die palästinensische Revolution gewann internationale Künstler und Autoren zur Mitarbeit. Das Buch ist von Mohieddine Ellabbad illustriert worden, der, nachdem er im ersten Jahr 67 Bücher veröffentlicht hatte, nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Libanon seinen Posten und Beirut verließ.
  8. www.palestineposterproject.org
  9. Jean-Luc Godard, Jusqu’à la Victoire, 1970,. Kommentar von JLG zu einem Zitat von Abu Hassan.
  10. Kunstwerk von Neïl Beloufa, Maya, 2008/2014. Bäumchen, Isolierschaum, Plexiglas, Ventilator, Drähte.
  11. In der Ausstellung gezeigter Ausschnitt aus dem Film "The Long Days" (1980) von Tewfik Saleh.
  12. Jocelyne Zablit, Gulf Myths: Saddam On Moon, Angels On Road, Seattle Times, 9. März 1991
  13. Daney und de Baecque über Godards Filmmaterial für Ici et ailleurs.

Ala Younis

Freie Künstlerin und Kuratorin, geb. 1974 in Kuwait. Lebt in Amman, Jordanien.

An Index of Tensional and
Unintentional Love of Land

Teil der Ausstellung:
Here and Elsewhere
16. Juli - 28. September 2014

New Museum
235 Bowery
New York, NY 10002
Vereinigte Staaten von Amerika
Website Email

Von Ala Younis kuratiertes Projekt
mit Werken von Adel Abidin, Mustapha Akrim, Yto Barrada, Neïl Beloufa, Mohssin Harraki, Mona Hatoum, Amina Menia, Abdul Hay Mosallam sowie Archivmaterial und Bilder von Magnum Photos, Arab Image Foundation, Palestine Poster Project Archives, Dar Al Fata Al Arabi publications, Hani Jawhariah's camerawork, Mohieddine Ellabbad's concepts, Tewfik Saleh's films, Briefmarken, Postkarten, Landkarten, usw.


Siehe auch:

Arsanios -M-107
Zeitgenössische Kunst aus der arabischen Welt und über diese, 16. Juli - 28. Sept., New Museum, New York. Kurator: Massimiliano Gioni, Team. Rezension, Fotos.
05
Der erste Pavillon Kuwaits auf der Biennale Venedig 2013, Werke von Sami Mohammad, Tarek Al-Ghoussein. Kuratoriale Überlegungen.
09 Bruno Fantoni
Durch 28 von Künstlern im Auftrag geschaffene Objekte untersucht die Schau im kuwaitischen Museum Moderner Kunst die Geschichte von Palästinensern in Kuwait.
Nafas
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