Selma & Sofiane Ouissi: Here(s)

Interview über ihre Skype-Tanzperformance Here(s), projiziert in Berlin, während sich die beiden in Paris und Tunis befanden.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Feb 2012

Die Geschwister Sofiane und Selma Ouissi gelten als zwei Hauptakteure der heutigen arabischen Tanzszene. Seit dem Beginn ihrer Laufbahn haben sie gemeinsam Choreographien entwickelt und aufgeführt. Ihre letzte Arbeit Here(s) ist eine Tanzperformance, bei der sie Skype als kreatives Medium nutzen. Unterstützt werden sie dabei von Yacine Sebti, der die Software für die interaktive Installation programmierte.

Nachdem wir Here(s) am 13. Januar 2012 im Berliner Haus der Kulturen der Welt im Rahmen des Meeting Points 6 Festivals gesehen hatten, führten wir mit Sofiane und Selma Ouissi dieses Email-Interview:

Binder & Haupt: Als wir in Berlin das Auditorium betraten, in dem die Bühne für eure Performance aufgebaut war, sah man zunächst eine Doppelprojektion von Uhren und Räumen in Tunis und Paris. Schon während des Wartens auf den Beginn der Vorführung kamen einem unweigerlich Assoziationen zu solchen Themen wie "Abwesenheit" und "Trennung" sowie zum "gegenwärtigen Moment und Ort" (ici et maitenant). Und da wir wissen, dass ihr immer eng zusammenarbeitet, hatten wir sofort das Gefühl, dass hier nicht eine fiktive Situation aufgeführt wird, sondern eine "reale", die ihr persönlich und ganz unmittelbar erlebt. Welches ist diese Wirklichkeit in eurer beider Leben und wie seid ihr darauf gekommen, diese auf eine solche Weise darzustellen?

Selma & Sofiane Ouissi: Wir finden, Kunst muss sich aus dem Leben nähren und genauer gesagt, aus unserem Leben, unseren Verhältnissen, unserer Zeit und unserer persönlichen Situation. Es geht uns darum, Kunst nicht abgeschottet in einem Atelier zu machen (wir verfügen ohnehin nicht über den Luxus einer solchen Art sich abzukapseln), sondern im Kontext unseres Alltagslebens. Dabei kommt so etwas wie finanzielle Verhältnisse, Visa, Reisen ins Spiel. Da ist auch der Gedanke, mit der Intimität der Pluralität zu beginnen.   

Tatsächlich steht dahinter auch das Konzept des Hier und Jetzt. Es entströmt dem Werk selbst, das sich dann nicht außerhalb der Zeit, sondern in der Unaufhörlichkeit der Gegenwart platziert. Das Werk demonstriert die Suche nach einem Weg, Kunst zu machen und künstlerisch tätig zu sein innerhalb der Zwänge, die uns durch unser beider Leben auferlegt sind: Distanz. [Sofiane lebt in Tunesien und Selma in Paris; Sofiane kann nicht so leicht reisen und Selma ist durch ihre Schwangerschaft und finanzielle Einschränkungen an Paris gebunden.] Dennoch konnten wir nicht aufhören, gemeinsam zu arbeiten. Deshalb war es notwendig, auf andere Weise kreativ zu sein und zu produzieren, ausgehend von dem aktuellen Kontext unserer jeweiligen Realitäten. Wir mussten einen anderen Weg finden, den künstlerischen Akt des Tanzens zu verwirklichen. Wir wollten unsere Energie nicht durch eine Zurückweisung der Gegenwart verlieren - das Hier und Jetzt. Gleichzeitig ist das ein Paradox, weil dieses Konzept, gegen das wir ankämpfen, dieses Hier und Jetzt, auch unsere Trennung in genau in diesem Augenblick kennzeichnet. Die Idee (laut Nietzsche) besteht darin, zu versuchen, diesen gegenwärtigen Moment nachzuspielen, ihn nachzuarbeiten, ihn zu benutzen, um ihn anzunehmen, ihn zu akzeptieren, und durch diese Taktik eine Verwirklichung zu finden. Es ist eine Erfahrung von Zeit und Raum; ein intimes Bewusstsein dessen, was wir mit Raum-Zeit tun können, ausgehend von den Umständen und diesem genauen Moment in unser beider Leben. Die Gegenwart kann sich selbst als eine Erscheinung darstellen. Ohnehin ist es ja so, dass wenn wir in unserem Land, das von welchen Kräften auch immer regiert wird, diese Selbstbestimmung nicht haben würden, diesen Drang weiterzumachen, wir schnell in einem ganz anderen Arbeitsbereich enden würden, denn so groß sind die Schwierigkeiten des Künstlerdaseins. Kreative Möglichkeiten gibt es immer.

Des weiteren gibt es die Gegebenheiten eines Territoriums, das ständige Bedürfnis, zu zweit zu sein, um den kreativen Akt ausführen zu können. Wir wissen nicht, wie wir das ansonsten tun könnten. Im Grunde werden wir durch diesen künstlerischen Akt zu einer einzigen Person. Es ist eine Art zu wirken, zu schreiben, derer wir uns bewusst sind und die wir natürlich annehmen.

Um auf das Hier und Jetzt zurückzukommen: die Idee besteht darin, diese uns auferlegte Arbeitsbedingung zu ästhetisieren und zu teilen, weil sie einzigartig und dennoch so typisch für unsere Zeit erscheint. Wir alle kommunizieren via Internet. Unser gesamtes Arbeiten besteht darin, eine Weise zu finden, wie wir choreographierte Events realisieren können. Nehmt als Beleg diese vermittelnde Oberfläche, dieses Zwischen-uns. Es ist auch ein unvorhersehbarer Platz, von dem aus unabhängig von unseren eigenen Wünschen vieles entstehen kann. Uns gefällt die Idee besonders, dass dieser Raum, der zu sehen ist, uns entgleitet. Er entfaltet sich in kleinen Andeutungen, Hinweisen, Objekten aus unser beider Leben (die in unseren Wohnungen ohne jedwede Inszenierung oder Vorsatz herumstehen), was verschiedene Bilder hervorruft, verschiedene Geschichten, je nachdem, wer zuschaut und seine eigenen Suggestionen beisteuert. Mag sein, dass wir hier die Feier des Lebens finden, in der Genügsamkeit kleiner Dinge ohne jegliches Ziel, ohne bestimmte Absicht. Das brachte uns auf die Idee, uns mit verschiedenen Leuten am selben Ort zu versammeln, um gemeinsam die Manifestation einer Art intimer Zeit zu erleben und sich dieser Erfahrung hinzugeben. 

Binder & Haupt: Wie habt ihr die Choreographie für dieses Stück entwickelt und wann habt ihr entschieden, durch die Zusammenarbeit mit Yacine Sebti weitere visuell-technische Lösungen einzubeziehen?

Selma & Sofiane Ouissi: Wir begannen mit der Präsenz eines Körpers im Raum zu arbeiten und ließen den Körper mit diesem Raum spielen, um zu sehen, was in dem Moment passiert. Das ist der Punkt, an dem wir von einer Darstellung des Hier und Jetzt in einer Umgebung sprechen wollen, in der ein Gebrauch gewisser Alltagsgegenstände neu-interpretiert wird (oder auch nicht). Deshalb sind wir von Improvisationen oder Beobachtungen unserer Bewegungen in unseren jeweiligen Wohnungen ausgegangen. Wir erkundeten unterschiedliche Vorschläge der gegenseitigen Betrachtung und des Blicks auf den Monitor. Wir zwangen uns, innerhalb dieser Grenzen zu arbeiten und auch innerhalb der unvorbereiteten Beschränkungen unserer Improvisationen; wir schrieben diese visuell-künstlerische und gestische Sprache füreinander. Das schloss live Ausführungen ein, die sich innerhalb der Grenzen unserer Umgebung und ausgehend von dem unverzüglichen Versuch entwickelten, die Bewegungen des anderen in dem Moment zu erfassen, in dem sie geschahen. Also die anfängliche Geste an dem Punkt wiederzuerlangen, von dem eine ganze Reihe an Bewegungen ausging, und so wurde dann ein verdichteter Raum oder ein transformierter Raum geschaffen, oder zumindest die Suggestion davon. Es gibt auch einen unvermeidbaren Aufwand an Energie, die von den Experimenten innerhalb dieser von unseren täglichen Gesten bewohnten Umgebung und von dieser Trennung ausstrahlt und die Kluft unserer Trennung verringert. Es ging auch um das Erfassen und das Niederschreiben einer Dramatisierung des alltäglichen Körpers in seiner intimen Umgebung; in diesem intimen Raum und mit dem unmittelbarsten Medium, das überhaupt möglich ist - dem Körper. Wir führten das aus, während wir versuchten, ästhetisch das geringstmögliche Maß aus dieser spontanen Poetik des Gegenwärtigen zu schlussfolgern. Wir suchten nach dem Detail des Augenblicks oder der vorhandenen Einfachheit, was sich dann mit dem Start dieses imaginären Screenings radikal änderte.

Um eine Szenographie dieses Raumes zu schaffen, dieser Wohnumgebung, haben wir mit Yacine Sebti zusammengearbeitet, der den häuslichen Raum oft neu gestaltete, dekonstruierte, indem er bestimmte Details vergrößerte und mit dem Konzept unserer Trennung in Raum und Zeit arbeitete, wozu er eine raffinierte Dekonstruktion anbot. Wir können sagen, dass Yacine die Bewegungen in unseren Wohnungen und unsere Beziehung zueinander durch Videobilder choreographiert hat. 

Binder & Haupt: Der verzögerte Ton in der Liveübertragung unterstreicht (für die Betrachter) den Eindruck einer "Anstrengung" beim Aufbau dieser technologischen Brücke, doch gleichzeitig hat das etwas von einem existenziellen Echo. Wie setzt ihr beiden euch während der Performance zu Ton und Rhythmus in Beziehung?

Selma & Sofiane Ouissi: Der verzögerte Ton schuf anfangs Probleme, vor allem für Yacine, so dass es notwendig schien, diese neue Form der Kommunikation anzunehmen und sich damit abzufinden. Tatsächlich haben wir versucht, das zu verstehen, diese Verzögerung zu erfassen, um unsere choreographierten Vorstellungen festzuhalten. Gleichzeitig offerierte diese Verzögerung schon fast eine Verstärkung unserer Realität mit all der Energie, die man aufbringen kann, um sich verständlich zu machen und den Anderen zu verstehen. Diese unvermeidliche Verzögerung, die in die Imagination des Anderen eindringt und uns dabei hilft, in Echtzeit wahrzunehmen, wie die Realität unserer Kommunikation zusammenzusetzen und auseinanderzunehmen ist. Der Versuch, den künstlerischen Spuren dieser Beziehung nachzugehen, hilft uns zu verstehen, wie die imaginäre Veränderung unserer Beziehung zustande gekommen sein könnte. Und schließlich lässt uns die Verzögerung vergessen, uns um die Schaffung einer linearen Lesart zu bemühen, die vom Werk wohl konstruiert wäre, und einer gewissen realen Diskontinuität in unserer Form der Kommunikation näher zu kommen. Das erlaubt auch eine aktive Wahrnehmung des Betrachters mit dem unaufhörlichen Spiel des Erkennens, Einordnens, der Neuaneignung, des Wiederverwertens.  

Binder & Haupt: Wenn jeder von euch beiden ganz nah in die Kamera blickt, haben wir als Publikum das Gefühl, direkt angeschaut zu werden, aber wenn Selma ihre Augenbrauen zupft und dabei den Monitor als Spiegel nutzt, fühlen wir uns als Voyeure. Wie "empfindet" oder "denkt" ihr das Publikum während der Tanzperformance?

Selma & Sofiane Ouissi: Tatsächlich spielen wir mit verschiedenen Bedeutungen des Blicks: dem Blick des Anderen, der Angeschaute, etc. Mit diesem speziellen Stück laden wir die Betrachter ein, die Rolle von intimen Zeugen unserer Alltagsleben, unserer Gewohnheiten, unserer Wohnungen einzunehmen. Das erzeugt eine andere Beziehung zu den Betrachtern, durch welche diese manchmal zu Zeugen, manchmal zu Vertrauten werden, und wir geben ihnen freiwillig die Möglichkeit, Voyeure zu sein. An normalen Tagen experimentiert unser Blick mit dem Status solcher unterschiedlichen Blicke und auch der intimen Beziehung zueinander. Und nochmals sei betont, dass wir es im Internet durchaus normal finden, uns um Szenen unserer Intimität zu kümmern und diese zu verbreiten.

Und dann ist da auch noch etwas, das wir zu sehen glauben, von dem wir denken, dass wir es meistern, und das letztendlich vertagt wird, um uns glauben zu lassen, wir seien Beherrscher unserer eigenen Leben… 

Binder & Haupt: Im Jahr 2007 habt ihr im öffentlichen Raum von Tunis das multidisziplinäre Festival Dream City begonnen, an dem viele visuelle Künstler teilnahmen und das im September dieses Jahres erneut stattfinden wird. Wie ähnlich oder wie verschieden von der Rolle eines Choreographen ist die eines Kurators? 

Selma & Sofiane Ouissi: Bevor Dream City zu einer Biennale zeitgenössischer Kunst in einem öffentlichen Raum wurde, ist es bereits die Kristallisation unseres Wunsches für die Choreographie gewesen. Schon 2006 wollten wir einen Weg finden, einen Marsch der Bürger von Tunis zu choreographieren: eine choreographierte, kollektive und festliche Erfahrung, mit der die Präsenz und das Bewusstsein einer Bevölkerung angesprochen wird. Dann half uns das Zusammentreffen mit Frie Leysen und Tarek Abou El Fetouh die Idee des choreographierten Marsches weiter reifen zu lassen: er würde mit der Saat künstlerischer Werke durchsetzt sein, die den kollektiven Marsch durch eine Art von Unvorhersehbarkeit begleiten. Leidenschaftlich schufen wir Dream City als einen abgeschlossenen Event, doch organisierten wir das, was wir Traum-Umbrüche nennen. Das sind Strategien der Begleitung durch ausgewählte Künstler auf der Suche nach verschiedenen Interventionen: der Geisteswissenschaften, der Kunst, des öffentlichen Raums - bei solchen Interventionen treffen wir die Künstler mit all ihren Zweifeln, ihrer Einsamkeit, ihren Intuitionen in dem Augenblick ihres Schaffens an. All dies in dem Geiste, dass das, was sich verändert, abzweigt, einen Moment innehält, neu abhebt, wir sehen wieder Bewegung, multiple Perspektiven von Individuen und emotionalen Wesen. Wir lieben es, all das zusammenzubringen. Ich weiß nicht, ob wir Kuratoren waren. Wir sind, was wir in Angriff zu nehmen versuchen -  eine Aktion des Werdens, die sich selbst neu erfindet, alles andere spielt im Grunde keine Rolle. Das Endprodukt ist nicht wichtig.

Binder & Haupt: Könnt ihr schon einige Aspekte oder Vorinformationen hinsichtlich dessen nennen, was uns bei der diesjährigen Edition von Dream City erwartet?

Selma & Sofiane Ouissi: Wir können sagen, dass die Wahrnehmungen jener Künstler, in deren Gesellschaften eine "Befreiungs"-Revolution stattfand, unerwartet sind. Diese künstlerischen Formen des Suchens und des Begleitens während des letzten Jahres produzieren letztendlich eine Auseinandersetzung mit dem, was gegenwärtig stattfindet und sich in unserer Gesellschaft entwickelt.

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Here(s). 2011
Online-Tanzperformance via Skype mit beiden Tänzern in verschiedenen Städten: Paris und Tunis
45 Min.

Konzept und Choreografie:
Selma & Sofiane Ouissi

Software und interaktive Installation:
Yacine Sebti

13. Januar 2012
Haus der Kulturen der Welt Berlin, im Rahmen des Meeting Points 6 Festivals.
Kurator: Okwui Enwezor


Siehe auch:

00
Interview mit dem Kurator Okwui Enwezor über den Fokus des Events in Zeiten des Wandels.
01_Zedz
Zweite Edition des Festivals zeitgenössischer Kunst in der Altstadt von Tunis, Tunesien.
Nafas
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