Ahmed Basiony

An der Front von Kunst und Revolution. Projekte, Workshops und letzte Tage. In Memoriam.
Von Shady El Noshokaty | Mär 2011

Fotoseiten
Kunstprojekte, digitale interaktive Installationen
Experimentelle Sound Art Workshops
Revolution und letzte Tage

Am 28. Januar starb Ahmed Basiony an den Schusswunden, die ihm von Scharfschützen der ägyptischen Polizeikräfte während des Beginns der Revolution vom 25. Januar 2011 auf dem Tahrir-Platz zugefügt worden sind. Er hinterlässt seine Ehefrau und zwei Kinder (6 und 1 Jahr alt).


Seine letzten Einträge auf seiner Facebookseite lauten:

26. Januar, 10 Uhr
Ich habe große Hoffnung, dass wir das durchhalten. Ich werde viel von der Polizei verprügelt. Trotzdem gehe ich morgen wieder dorthin. Wenn sie Krieg wollen, dann wollen wir Frieden. Ich versuche nur, etwas von der Würde meiner Nation zurückzuerlangen.

27. Januar um 12:09 Uhr
Es ist nötig, gut ausgestattet zu sein, wenn man an der Revolution teilnimmt: Eine Flasche Essig gegen das Tränengas, Schutzmasken und Tücher, um den Essig einzuatmen, Selbstverteidigungsspray, Sportschuhe, Pradoral-Tabletten, Essen und Getränke... Es ist verboten, gegen die Sicherheitskräfte gewalttätig zu werden oder sie zu beleidigen. Auch Vandalismus ist verboten, denn das ist unser Land. Bring eine Kamera mit und habe keine Angst und sei nicht schwach.


Ahmed Basiony absolvierte im Jahr 2000 die Fakultät für Kunsterziehung der Helwan Universität, wo er anschließend als Assistenzlehrer in der Abteilung für Zeichnen und Malerei tätig war. Nachdem er seinen Master zum Thema Kreatives Potenzial der digitalen Sound-Kunst abgeschlossen hatte, arbeitete er an seiner Doktorarbeit über die visuellen Aspekte der Open Source Programmierung im Verhältnis zu den Konzepten digitaler Kunst.

Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter einer neuen Generation ägyptischer Künstler. Seine künstlerische Praxis ist äußerst vielfältig und hat sich in den letzten 10 Jahren sehr schnell entfaltet. Mit seinen frühen, großformatigen expressionistischen Gemälden hat er 2001 beim Jugendsalon den ersten Preis gewonnen. 2001 bis 2005 vollzog sich in seinem Schaffen eine Wandlung in eine experimentellere Richtung unter Einbeziehung neuer Medien und Multimedia-Installationen.

Während der Erarbeitung seiner Master-Abschlussarbeit von 2002 bis 2006 konzentrierte Basiony seine Studien auf digitale Sound Art. Gleichzeitig begann er 2006 damit, im Rahmen der von Dr. Shady El Noshokaty an der Fakultät für Kunsterziehung der Helwan Universität geleiteten experimentellen Workshops für Medien und Kreativität, an denen er seit dem Jahr 2000 schon als Student teilgenommen hatte, eigene Workshops für digitale Sound Art zu organisieren.


Mit seinen unabhängigen Workshops führte Basiony das erste akademische Programm für Experimente mit Sound Art in Ägypten ein. Er gestaltete dies so, dass die Studenten kreative Fähigkeiten erwerben konnten, die wichtig sind, um Sound als Rohmaterial in Beziehung zur Imagination sowie als eine Methodologie wahrzunehmen, um akustisches Material mit virtuellen Bildern zu verbinden, deren Charakter die Studenten digital mit Audiogeräten und Software manipulieren und verändern können.

Dank seines persönlichen Auftretens gelang es Basiony, eine große Zahl an Studenten in Ägypten für dieses neue Medium zu interessieren. Bei den Workshops in den Sommern der Jahre 2009 und 2010, in die live Soundperformances einbezogen wurden, ist er ein Katalysator der Entwicklung des Konzepts der Sound Art gewesen. In diesen zwei Workshops lehrte er die Studenten die Kraft der zusammengesetzten natürlichen Töne und wie man Geräusche einer bestimmten Umgebung in der Vorstellung des Publikums in abstrakte Gebilde und Formen umwandeln kann. In Live-Performances, die alle dafür verfügbaren Technologien nutzten, erlangte das eine geradezu architektonische Zusammensetzung.

Basiony legte viel Wert auf das Lernen in der Gruppe, auf Interaktion und das Zusammenfließen von Erfahrungen sowie das Experimentieren bei der Ausführung von Ideen. Die meisten Ideen entstanden im Ergebnis direkten Brainstormings durch Interaktion in der Gruppe zu einem Soundstück, das den Geist und die Sinne anregt, wenn man es in einer direkten Darbietung im Studio hört.


Parallel dazu führte Basionys kreative Produktion zu einer Reihe von Kunstwerken, die hauptsächlich auf den Mitteln der interaktiven Kunst aufbauen, so wie das im März 2007 beim ersten gemeinsamen Projekt mit seinem Künstlerkollegen Magdi Mostafa Madena in Erscheinung trat. Dieses Projekt hat den Großen Preis des 13. Jugendsalons gewonnen. Es war in der Halle des Mahmoud Mokhtar Museums ausgestellt. Das Projekt bezieht viele Multimediaebenen ein, beginnend mit Projektionen in einer Installation, die Live-Performances der Künstler zusammen mit dem Publikum während der Ausstellung zeigen. Madena ist eine audiovisuelle Reise, die das Gefühl, sich in den Straßen von Kairo zu befinden, in einen virtuellen Bereich im Ausstellungsraum überträgt. Jeder Teil der realen Karte von Kairo wird topographisch und durch aufgezeichnete Töne der Umgebung, die aus strategisch auf der virtuellen Karte platzierten Lautsprechern kommen, auf die Wände übertragen. Die Betrachter sind aufgefordert, mit den Künstlern in einen akustischen Dialog zu treten, den sie mit Mikrophonen aufgenommen und digital bearbeitet haben. Im Zentrum des Raumes sitzt ein Performer und fügt Stücke in den Stadtplan ein, wobei eine neue Stadt entsteht. Das Kunstwerk ist ein Erlebnis, das vom Publikum mit allen Sinnen wahrgenommen und ausgehend von den subjektiven Erfahrungen rekonstruiert werden muss.

2007 schuf Basiony in einem unabhängigen Projekt sein erstes interaktives Medienexperiment, das Teil des von Shady El Noshokaty organisierten Gruppenprojekts Stammer an Interactive Experiment war, präsentiert in der von Karim Francis kuratierten Ausstellung Occidentalism. Dabei führte Basiony eine Idee ein, die auf der Interaktion der Besucher mit ihrem eigenen Porträt beruht, das von einer Überwachungskamera aufgenommen und auf Hunderte nicht leuchtender Glühlampen projiziert wurde. Sobald die Besucher den Saal betreten, bestimmen sie durch die Lautstärke ihrer Stimmen den Grad des Aufleuchtens der Glühlampen. Wenn ein Besucher laut spricht, leuchten die Lampen hell und überstrahlen sein auf darauf projiziertes Porträt, was zu einem Machtkampf zwischen ihm und dem System führt. Die Besucher müssen entscheiden, ob sie ruhig bleiben, damit ihr Porträt erscheinen kann, oder Krach machen und damit ihr Abbild durch die Helligkeit verschwinden lassen.

Im Dezember 2009 nahm Basiony an einer Ausstellung mit dem Titel The Body Invisible Presents im Mawlawiyah Palast teil, wo er seine konzeptuelle Performance Symmetrical System präsentierte. Dafür bedeckte er einen großen Teil des Bodens der Bühne mit flüssigem Gummi, das er mit Pigmenten gemischt hatte, um menschliche Haut zu simulieren. Er erschien auf der Bühne in einem blauen Overall, den Arbeiter im Schlachthof tragen, zusammen mit einer weiblichen Darstellerin, die ein dunkles barockes Kleid mit sehr komplexen Details trug. Basiony entwickelte einen surrealen Dialog mit der Gummifläche. Manchmal war die Interaktion genau kalkuliert, ein anderes Mal wurde sie rein expressiv, so als wenn sein Körper versuchen würde, sich selbst neu zu erschaffen und mit der Oberfläche zu verschmelzen, inspiriert von der Form der Bühne, die ursprünglich für traditionelle Sufi-Tänzer angelegt worden war. Andererseits gab es eine Spannung in der Beziehung zur weiblichen Darstellerin, die sich wie eine Puppe langsam um ihn herum bewegte und vorsichtig versuchte, in seinen Raum einzudringen. Diese Arbeit bezog sich auf die widersprüchlichen Beziehungen zwischen zwei verschiedenen Bereichen, die sich heimlich vereinen könnten, um durch den virtuellen Körper eine gemeinsame Sprache zu entdecken.

Basiony interessierte sich mehr und mehr für das Studium interaktiver digitaler Medien und wurde damit zu einem der sehr wenigen Experten, die sich in der aktuellen Kunstszene Ägyptens mit diesem Gebiet befassen. Das liegt am Fehlen jeglichen akademischen Programms, das diesen spezifischen Bereich der Kunst lehren würde, und an der großen Kenntnis von Hard- und Software, die notwendig ist, um solche interaktive Kunst praktizieren zu können.

Ahmed Basiony nahm am ersten interaktiven ägyptisch-spanischen Kunstworkshop teil, dann 2008-2009 an den "Egypt Lab" Workshops, einer Kooperation zwischen der Medrar Contemporary Art Foundation in Ägypten und der Hangar Stiftung für künstlerische Produktion und Forschung in Barcelona. In diesen Workshops ging es um multimediale Interaktivität durch die Nutzung solcher Open-Source-Programme wie Pure Data und die Integration externer Hardware wie der elektronischen Plattform Arduino. Die Open-Source-Programmierung basiert auf gemeinsamer Arbeit verschiedener Programmierer, um kostenlose Software zu entwickeln und damit etwas gegen den übermächtigen Einfluss großer Softwareunternehmen zu tun. Diese Programme sind überaus flexibel beim Beherrschen und Mischen verschiedener Arten von Sensoren und haptischer sowie audiovisueller Equipments.


Basiony produzierte zwei seiner größten Kunstprojekte mit Open-Source-Programmierung. Das erste war Dreißig Tage auf der Stelle laufen, präsentiert im Januar 2010 in der Ausstellung Why Not? in einem eigens dafür gebauten Raum außerhalb des Palasts der Künste im Garten des Opernhauses von Kairo. Der Raum war mit transparenter Plastikfolie abgeschlossen. Darin performte Basiony täglich eine Stunde, wobei er einen speziell für dieses Projekt gefertigten Plastikanzug trug, der ihn komplett mit Sensoren bedeckte, um die abgegebene Menge Schweiß und die beim Laufen im Raum angefallenen Schritte zu messen. Die Daten wurden drahtlos an den Computer übertragen und über diesen auf eine große Leinwand projiziert. Dort erschienen sie in einem grafischen Raster und in farbigen geometrischen Formen, die sich entsprechend der physiologischen Schwankungen seines Körpers veränderten und damit vermittels einer ästhetischen Manifestation von Farben und Formen eine Beziehung zwischen dem lebenden Körper und dem digitalen System herstellten.

Das letzte Projekt von Ahmed Basiony war die interaktive Arbeit ASCII Doesn't Speak Arabic, gezeigt bei der zweiwöchigen Cairo Documenta im Dezember 2010, einer großen unabhängigen Kunstausstellung, die eine Gruppe junger Künstler in einem der alten Hotels im Zentrum der Stadt organisierte. Auch diese Arbeit ist mit Open-Source-Programmierung zur Regelung des interaktiven Prozesses geschaffen worden. Das bewegte Bild des Betrachters erschien live in Form von ASCII Code auf einem Monitor, dieses Mal aber im arabischen Alphabet. Innerhalb der Parameter der Projektion ordnete das System dem Kopf eines jeden Betrachters arabische Schriftzeichen zu. Indem sie den Kopf zur Seite schwingen, konnten die Besucher den ihnen zugeordneten Buchstaben auf einen anderen Monitor verschieben. Das konnten auch mehrere Besucher gleichzeitig tun, und durch eine Synchronisierung ihrer Bewegungen war es möglich, Wörter oder Sätze zu bilden. Das Projekt untersuchte die Beziehung zwischen Körpersprache und verbaler Kommunikation. In technischer Hinsicht musste Basiony mit Hilfe der berühmten spanischen Programmierer, die darauf spezialisiert sind, das Manko der ASCII-Anwendungen überwinden, dass sie nicht mit dem arabischen Alphabet kompatibel sind.

Als kreativer Musiker war Basiony im Mai 2009 und 2010 zur Teilnahme an einem der wichtigsten Festivals für digitale Musik und Sound Art in Ägypten, Live 100, eingeladen. Basionys musikalisches Vokabular reichte von einem minimalistischen bis zu einem konzeptuellen Ansatz, wenn er sein Schaffen in Kooperation mit dem ägyptischen Volkssänger Abou Asala präsentierte und eine hybride Art von Musik schuf, gespeist aus den kulturellen Widersprüchen zwischen Volksgesängen und der digitalen minimalistischen Musik des elektronischen Zeitalters. Das Publikum wie auch die Kritiker nahmen dieses Experiment gut auf, als es 2010 in der Darb Foundation for Contemporary Art aufgeführt wurde. Es sollte im Juni 2011 auch beim Sónar in Barcelona präsentiert werden, einem der weltweit renommiertesten Festivals für digitale Musik. Der Radiosender 100radiostation.com - elektronische Musik aus Ägypten der arabischen Welt und international - widmete sein Programm in Februar 2011 komplett der Musik von Ahmed Basiony und gedachte damit seiner und würdigte sein herausragendes Talent.

Niemand wird bestreiten, was für ein einzigartig talentierter Künstler, Lehrer, Musiker und Revolutionär Basiony war. Sein Talent entwickelte sich unweigerlich in alle Richtungen. Hingebungsvoll widmete er sich seiner Begabung und seinen Studenten. Und in persönlicher Hinsicht ist er einer der liebenswürdigsten, freundlichsten und reizendsten Menschen gewesen, die ich jemals kennengelernt habe. Du selbst magst heute nicht mehr bei uns sein, aber du wirst für immer in unseren Herzen und in unseren Gedanken weiterleben. Ruhe in Frieden, geliebter Bruder. (S. El Noshokaty, 13. Feb. 2011)

Shady El Noshokaty

Visueller Künstler, Professor an der Fakultät für Kunsterziehung, Hellwan Universität und American University in Kairo. Promovierte 2007 in Philosophie und Kunsterziehung mit der Doktorarbeit "Medienkunst und neue ägyptische Identität".

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

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Ahmed Basiony
* 1978 Kairo, Ägypten. Starb am 28. Januar 2011 an den auf dem Tahrir-Platz in Kairo erlittenen Schussverletzungen.

Nafas
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